Beim Anblick der Mona Lisa

Im stillen Reich der Farben, lichtdurchhaucht,

Wo Meisterhand den Schein zur Wahrheit webt,

Erhebt sich sanft, aus Schatten sanft erlaucht,

Ein Antlitz, das im Schweigen dennoch lebt.

Nicht Fleisch, nicht Blut – und doch von Seele voll,

Ein Blick, der Zeit und Raum zu bannen weiß;

Als ob ein leiser Hauch des Ew’gen soll

Sich spiegeln hier in menschlich mildem Fleiß.

O Wunderkraft der Kunst! Du täuschest hold,

Und hebst den Geist aus enger Wirklichkeit;

Der Pinsel führt, als wär er selbst gewollt

Vom Genius, der über Formen schreit.

Was ist’s, das uns in diesen Zügen hält?

Ein Gleichmaß, das dem Chaos widersteht;

Ein Zauber, der die rohe Außenwelt

In stille Harmonie verwandelt sieht.

Der Blick – er folgt uns, gleich wohin wir gehn,

Als sei im Bild ein heimlich Leben wach;

Ein Spiel der Linien lässt uns glauben, sehn,

Was nie sich regt – und dennoch folgt es nach.

So steht der Mensch, im Schauen selbst erquicklich,

Gefangen halb, doch halb zur Freiheit frei:

Denn was ihn rührt, ist nicht das Werk nur wirklich –

Es ist die Sehnsucht, die im Herzen sei.

O Schönheit! die im Schein sich offenbart,

Und tiefer wirkt als greifbare Gestalt –

Du bist der Geist, der in der Form verharrt,

Und doch entflieht in ew’ger Lebensgewalt.