Vom wahren Glücke
O edler Freund! Du irrst, wenn du in goldnen Schätzen oder in flüchtigem Ruhme das wahre Glück des Menschen suchest. Nicht in den Hallen der Könige, nicht auf den Schlachtfeldern der Ehre, noch in den Sälen des rauschenden Festes wohnt das Glück, sondern im stillen Herzen des Tugendhaften, in der reinen Seele, die der Wahrheit zugetan ist.
Was ist des Lebens höchster Preis? Ist es der Jubel der Menge, die Krone des Siegers, der süße Taumel des Vergnügens? O nein! Ein flüchtiger Hauch verweht den Beifall, eine Stunde macht den Reichtum zunichte, und die Lust, die heut entzückt, welkt morgen dahin wie die Blume im Sturm. Nur wer in sich selbst ruhet, wer das Schicksal annimmt mit heiterem Mute, der ist wahrhaftig frei und seines Lebens Herr.
Sieh hin, wie der Weise, unbekümmert um das Treiben der Welt, in seinem Herzen eine Sonne trägt, die kein Sturm verlöschen kann! Er kennt nicht den Neid des Ehrgeizigen, nicht die Rastlosigkeit des Geizigen – denn in der Tugend allein hat er seinen Schatz gefunden.
O Mensch, wende deinen Blick von dem eitlen Tand der Welt! Suche das Glück nicht in fremden Gütern, nicht in eitlem Glanze – suche es in der Wahrheit, in der Treue zu dir selbst, in der edlen Tat, die keinen Lohn begehrt. So wirst du, wenn das Leben sich neigt und der Abend naht, mit ruhigem Herzen zurückblicken und sprechen: Ich habe gelebt.
