
Am heiligen Geländer – wo der Putz bröckelt und die Welt sich in Blumenbeeten spiegelt – versammelt sich jeden Nachmittag die inoffizielle Hohe Kommission der dörflichen Ordnung. Vier Seelen, vier Richter, vier Waschweiber in der Verkleidung von Philosophen. Sie sehen alles. Sie hören alles. Sie wissen mehr als Google und das Standesamt zusammen – und haben weniger Skrupel als beides.
Da sitzt Zuko, ganz in schwarz, den Ernst den sie in den Augen trägt, als wäre sie die Bürgermeisterin im Wartestand – nun schon seit 17 Jahren. Sie trägt Sandalen mit Socken, als Zeichen des Protests gegen jede Form ästhetischer Tyrannei. In ihrem Blick liegt die stille Gewissheit: „Wenn ich nicht hingucke, fällt alles auseinander.“ sie schnauft, sie nickt bedeutungsschwer, wenn der Lieferwagen zu schnell durchs Dorf rollt. Und wehe, der Kevin vom Metzger grüßt nicht zuerst.
Etwas weiter Neben ihr thront Gerlinde, in modisch brauner Kitelschürz, mit ihrer Frisur die seit 1983 jeder Windböe trotzt – ein Wunderwerk aus Haarspray und Stolz. Sie führt Protokoll über das, was sie „die verdächtigen Elemente“ nennt. Ein falsch geparkter Roller? „Drogendealer.“ Eine neue Frau beim Bäcker? „Bestimmt geschieden, man sieht’s doch.“ Ihre Sonnenbrille ist weniger Schutz vor der Sonne als eine Tarnkappe – denn Beobachten ist heilig, aber nicht beobachtet zu werden: heiligster.
Dann wäre da Hector, der nichts sagt, aber alles hört – und später doppelt so laut weitererzählt. Sein Blick schweift mit der Zielgenauigkeit einer Drohne über Balkone, Garageneinfahrten und Mülltonnen. Und wenn er den neuen Nachbarn dabei erwischt, wie er die Biotonne zu früh rausstellt – oh, dann ist der Tag gerettet. „Siehst du, Gerlinde? Schon wieder! Und der nennt das Familie!“
Und schließlich ich. Das vierte Rad am Wägelchen der Wahrheit, der einzige mit einem Hauch Selbstreflexion – zumindest bilde ich mir das ein, während ich mir das dritten Gläschen Wein schmecken lasse. Ich lächle gönnerhaft über das Elend des Dorfes, während ich mich in Wahrheit selbst nicht von der Pflicht freisprechen kann, alles ein kleines bisschen zu ernst zu nehmen. Ein Spötter, der nicht anders kann, als mitzulästern. Denn wer sich nicht einmischt, hat in Wahrheit einfach nur den Klatsch verpasst.
Gemeinsam stehen wir da, die Terrassen-Tetralogie, das Quartett der kleinen Urteile, die göttlichen Instanzen des Ungefragten. Wir halten Wacht. Nicht über das Gute – nein, viel besser: über das Skurrile, das Peinliche, das Unangepasste. Wir sind das moralische Rückgrat der Dorfstraße, nur leicht verkrümmt vom Sitzen.
