Vom Wesen des guten Menschen

Was ist’s, das einen Menschen wahrhaft gut zu nennen uns berechtigt? Ist es die äußere Erscheinung, der Glanz des Namens oder die Gunst des Glückes? Nein! Diese flüchtigen Güter kann der Wind des Schicksals leicht verwehen, sie sind nicht das Wesen, sondern nur der Schein.

Der gute Mensch trägt seine Würde nicht im Kleide, sondern in der Brust. Sein Herz ist jene reine Quelle, aus der die Handlungen fließen, klar und ungetrübt vom Eigennutz, von niedriger Begierde unbefleckt. Er fragt nicht: Was bringt es mir? Er fragt: Was fordert die Pflicht? Was gebietet das Gesetz, das in seinem Innern wohnt und keines äußeren Richters bedarf?

In seinem Busen wohnen jene zwei Gewalten, die den Menschen erst zum Menschen machen: die Vernunft, die das Gute erkennt, und der freie Wille, der es vollbringt. Diese Freiheit ist sein höchstes Gut – nicht jene zügellose Willkür, die nur den Leidenschaften frönt, sondern jene höhere Freiheit, die sich selbst das Gesetz gibt und es freudig befolgt.

Der gute Mensch strebt nicht nach Beifall oder Lohn. Sein Tun ist rein wie das Licht der Sonne, das nicht fragt, wem es leuchtet. Seine Güte gleicht der Blume, die ihren Duft verströmt, nicht um zu gefallen, sondern weil es ihr Wesen ist. So ist sein Wohlwollen nicht berechnet, seine Hilfe nicht erkauft, sein Mitgefühl keine Maske, hinter der sich kalte Selbstsucht verbirgt.

Standhaft bleibt er im Sturm der Zeit, ein Fels im Meer der Meinungen. Nicht folgt er blindlings dem Strom der Menge, nicht beugt er sich dem Götzen des Tages. Was er als wahr erkannt, das spricht er aus; was er als recht empfindet, das vollbringt er, und sollte auch die ganze Welt ihn tadeln.

Doch mit der Festigkeit verbindet er die Milde. Er richtet nicht in Härte, wo das verstehende Herz zu schonen vermag. Er weiß, dass auch der Irrende ein Mensch ist, vom gleichen Stoff gebildet, den gleichen Schwächen unterworfen. So paart sich in ihm die Strenge gegen sich selbst mit der Nachsicht gegen andere.

In seinem Blick liegt jene Klarheit, die vom reinen Gewissen zeugt. Seine Stirn trägt nicht die Furchen des Neides, seine Lippen kennen nicht das Lächeln der Falschheit. Aus seinen Augen strahlt jenes Licht, das nur die Wahrheit entzünden kann.

So wandelt er unter uns, nicht als ein Heiliger jenseits aller menschlichen Schwächen, sondern als ein Mensch, der seine Menschlichkeit zur höchsten Blüte entfaltet hat. Sein Leben ist ein stetes Ringen, ein unablässiges Streben nach dem Ideal, das in seiner Seele leuchtet wie ein Stern.

Die Nachwelt wird seinen Namen vielleicht vergessen, doch die Spur seines Wirkens bleibt. Denn was ist unsterblicher als das Gute, das wir ins Leben pflanzen, auf dass es fortwirke von Geschlecht zu Geschlecht?​​​​​​​​​​​​​​​​